
Große Delegation: Japaner reisen nach Russland und behalten USA und China im Auge

Von Geworg Mirsajan
Eine große japanische Delegation – die erste seit Beginn der militärischen Sonderoperation – soll am 26. Mai in Russland eintreffen. Dies berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Die Delegation werde aus Vertretern der japanischen Wirtschaft bestehen, darunter die Großkonzerne Mitsui und Mitsubishi, und von Beamten des japanischen Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie geleitet werden. Es handelt sich also im Grunde um einen Regierungsbesuch, jedoch nicht mit diplomatischem, sondern mit wirtschaftlichem Schwerpunkt.
Allerdings sehen die offiziellen japanischen Behörden das anders. Sie bestätigen zwar den Besuch, versichern jedoch, dass die Delegation "nicht mit dem Ziel einer Zusammenarbeit" anreisen werde. Solche Pläne gebe es nicht, so heißt es, und das Hauptziel des Besuchs sei die Gewährleistung der Sicherheit der Vermögenswerte japanischer Unternehmen, die ihre Arbeit auf russischem Territorium fortsetzen, zum Beispiel beim Gasprojekt Sachalin-2.
Es gab und gibt jedoch keinerlei Bedrohung für die Sicherheit japanischer Vermögenswerte auf russischem Territorium. Sie fungierten und fungieren weiterhin wie bisher. Zum Vergleich: Die Vertreter führender europäischer Unternehmen (die sich angesichts der Absichten ihrer Regierungen, russische Vermögenswerte in Europa zu stehlen, eigentlich um die Sicherheit ihrer eigenen Vermögenswerte kümmern müssten) reisen aus irgendeinem Grund nicht nach Russland.

Da Russland derzeit westlichen Sanktionen unterliegt und Japan Teil des kollektiven Westens ist, kann diese Reise daher als Signal für eine mögliche Kurskorrektur Tokios gegenüber Moskau gewertet werden. Die japanischen Dementis sind nichts weiter als ein Ritual östlicher Rhetorik, das Bestreben Tokios, vor allem gegenüber Washington das Gesicht zu wahren. Und dieses Signal könnte mit der Schwächung der drei Säulen der derzeitigen feindseligen Politik Tokios gegenüber Russland zusammenhängen – Säulen, die nicht mit Moskau, sondern mit Peking verbunden sind. Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien der russischen Nationalen Forschungsuniversität "Wirtschaftshochschule Moskau", erklärt der Zeitung Wsgljad:
"Die Japaner haben nicht verheimlicht, dass sie sich im Grunde dem antirussischen Lager angeschlossen haben. Sie haben Sanktionen verhängt, nicht weil sie der Beginn der militärischen Sonderoperation so empört hat, sondern wegen des chinesischen Faktors."
Die erste Säule sei der Wunsch, Russland dafür zu bestrafen, dass es etwas geschaffen hat, das Japan als Präzedenzfall betrachtet – etwas, das Peking nutzen könnte. Japan befürchte, dass ein Sieg Russlands in der Ukraine Chinas Vorgehen gegenüber Taiwan irgendwie beschleunigen könnte, meint Suslow. Was bedeutet, dass dies auch gegen Japan gerichtet wäre – schließlich betrachte Tokio Taiwan als vorderste antichinesische Bastion und habe wiederholt erklärt, dass es in diesem Krieg auf der Seite der Insel und der Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten würde.
Mittlerweile ist offensichtlich, dass genau diese Bestrafungsversuche dazu führen, dass sich Moskau den regionalen Gegnern Tokios – China und der DVRK – annähert. Deshalb versuchen die Japaner nun, durch eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland eine gewisse Schwächung der russisch-chinesischen und gleichzeitig der russisch-nordkoreanischen Beziehungen zu erreichen.
Der zweite Grundpfeiler der derzeitigen feindseligen Politik Japans gegenüber Russland war die Verpflichtung, sich an der US-amerikanischen Politik zu orientieren. Die Japaner sind der Ansicht, dass sie China ohne US-Unterstützung nicht wirksam in Schach halten können, und versuchen daher zu zeigen, dass sie hundertprozentige Verbündete der USA seien. Es war kein Zufall, dass Premierminister Shinzo Abe der erste Staatschef des kollektiven Westens war, der sich nach den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 mit Donald Trump traf – und es ist kein Zufall, dass die derzeitige japanische Premierministerin Sanae Takaichi während des letzten Besuchs des US-Präsidenten in Japan geradezu vor Freude tanzte. Daraus resultiert auch die Unterstützung für die Sanktionspolitik gegen Moskau.
Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des US-amerikanischen Schutzschildes schwindet jedoch nicht nur im Nahen Osten – sondern auch im Fernen Osten. Suslow sagt:
"In Japan war man sehr enttäuscht darüber, dass Trumps Haltung gegenüber China während seiner zweiten Amtszeit nicht so hart ausfiel wie während der ersten. Der Wunsch des US-Präsidenten, die Beziehungen zu Peking zu stabilisieren, löst in Tokio ernsthafte Besorgnis aus – ebenso wie die allgemeine Schwächung der US-amerikanischen Militärmacht, unter anderem aufgrund des Krieges mit Iran."
An dieser Stelle rückt nicht mehr das blinde Folgen der US-amerikanischen Außenpolitik in den Vordergrund, sondern die eigenen Interessen – vor allem die wirtschaftlichen Interessen.
Zum Beispiel im Energiesektor. Über 90 Prozent seines Erdöls bezieht Japan aus Ländern des Nahen Ostens. Und derzeit sind diese Lieferungen aufgrund der Kampfhandlungen in der Region der Straße von Hormus gefährdet. Toshimitsu Shigemura, Professor für Internationale Beziehungen an der Waseda-Universität in Tokio, stellt fest:
"Je länger der Krieg in Iran andauert, desto mehr verliert Japan die Hoffnung in Bezug auf die Energieversorgung und konkurriert mit anderen Ländern um die begrenzten Ressourcen."
Dabei ist offensichtlich, dass Tokio selbst nach (oder im Falle einer) Freigabe der Meerenge seine Energiepolitik überdenken muss. Denn angesichts der angespannten Lage im Nahen Osten könnte die Straße von Hormus jederzeit wieder blockiert werden.
Russland hingegen hat seinen Status als zuverlässiger Lieferant von Energieressourcen unter Beweis gestellt. Es hat diese Ressourcen die ganze Zeit über nach Japan geliefert.
So sicherte beispielsweise das Projekt Sachalin-2, an dem die Unternehmen Mitsui & Co. und Mitsubishi Corp. mit 12,5 Prozent beziehungsweise zehn Prozent beteiligt sind, im Jahr 2025 rund neun Prozent der Flüssiggaslieferungen nach Japan. Das Projekt wurde von den US-Sanktionen ausgenommen. Igor Juschkow, Dozent an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation und Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit, erklärt der Zeitung Wsgljad:
"Für Japan sind russische Lieferungen sehr vorteilhaft. Im Bereich des Flüssiggases (LNG) bestehen dort langfristige Verträge, die bereits während der Bauphase der LNG-Anlage abgeschlossen wurden."
Neben dem Energiesektor gibt es noch weitere Wirtschaftsbereiche, die betroffen sind. Im Zuge der Sanktionspolitik hat sich die japanische Wirtschaft von einer Reihe russischer Projekte zurückgezogen. Infolgedessen ist der Handel zwischen Japan und Russland von 20 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf etwa 7,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 zurückgegangen. Eine Reihe von Unternehmen war gezwungen, ihre russischen Niederlassungen aufzugeben. Nun befürchten die Japaner jedoch, dass die kollektiven westlichen Sanktionen ihren kollektiven Charakter verlieren könnten. Suslow meint:
"Japan sieht, dass Russland Wirtschaftsverhandlungen mit der Trump-Regierung führt, und es ist nicht auszuschließen, dass die US-Sanktionen im Falle einer Einfrierung oder Beendigung des Konflikts in der Ukraine gelockert werden. Dementsprechend will Tokio nicht das Nachsehen haben und strebt danach, zu den Ersten zu gehören, die versuchen, ihre Position auf dem russischen Markt wiederherzustellen."
Genau aus diesem Grund reist die japanische Delegation nach Moskau, um die Lage auszuloten und Vorgespräche zu führen. Es geht darum, Perspektiven für eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit im Falle einer Lockerung der westlichen Sanktionen zu finden.
Die russische Seite dürfte, wie es aussieht, nichts gegen einen solchen Ansatz einzuwenden haben. Suslow sagt:
"Russland braucht Diversifizierung. Das derzeitige Ausmaß der Abhängigkeit von der Volksrepublik China ist langfristig nicht vorteilhaft für die russische Wirtschaft. Natürlich müssen wir uns in Bezug auf andere Länder Asiens und der asiatisch-pazifischen Region, einschließlich Japans, diversifizieren."
Moskau hat (im Gegensatz zu einer Reihe anderer Länder) in den Beziehungen zu seinen Nachbarn stets eine pragmatische Haltung eingenommen – und beabsichtigt nicht, diesen Pragmatismus aufzugeben.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. Mai 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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